DWD Synoptische Übersicht Kurzfrist
19-10-2026 17:01
SXEU31 DWAV 191800
S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Montag, den 19.10.2026 um 18 UTC
SCHLAGZEILE:
Blockade und Ostereier im Herbst - zunächst noch High (GERHARD) über Lows
(Höhentiefs), aber Ende in Sicht.
Synoptische Entwicklung bis Mittwoch 06 UTC
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Aktuell ... präsentiert sich das großräumige Strömungsmuster so stark gestört
respektive blockiert, dass man es kaum glauben mag, was uns die Modelle schon ab
Donnerstag, vor allem aber für das kommende Wochenende offerieren: unbeständig,
windig/stürmisch und mild, so die Kurzformel frei nach dem Motto "das Imperium
(in diesem Fall der Atlantik) schlägt zurück". Eine derart krasse Umstellung
binnen weniger Tage, Hut ab. Nun liegt das bevorstehende Wochenende Stand heute
genauso außerhalb des in diesem Bulletin üblicherweise behandelten
Kurzfristzeitraums wie der kommende Donnerstag, so dass ich allen Interessenten
die "Synoptische Übersicht Mittelfrist" von heute Mittag ans Herz lege. Was in
der kommenden Nacht und am morgigen Dienstag auf der Agenda steht, erfahrt ihr
im Folgenden.
Stichwort "gestört" respektive "blockiert", ein Protagonist der aktuellen
Wetterkarte befindet sich über Fennoskandien mit Kontakten nach Westrussland
sowie Richtung Nordsee. Die Rede ist von GERHARD, seines Zeichens langgezogenes
1040+X-hPa-Hochdruckgebiet mit gewaltiger Potenzialstütze in der Höhe. In der
Spitze erreicht das Geopotenzial Werte zwischen 585 und 588 gpdam, was im
Bereich der Rekordwerte bezogen auf das Modellklima für den aktuellen und
morgigen Tag liegt. Am Rande des Hochs wird bodennah eine östliche Strömung
generiert, mit der eine vergleichsweise trockene, kontinental geprägte Luftmasse
in den Vorhersageraum gelangt. Eine besonders trockene Schliere mit Taupunkten
unter 5°C erreichte heute Nachmittag von Polen her Teile Ost- und
Nordostdeutschlands, was dort gebietsweise wolkenlose Bedingungen zur Folge
hatte. Ähnlich sah es in Teilen Niederbayerns und Frankens aus, während im
großen Rest des Landes mal mehr, mal weniger Bewölkung unterschiedlicher Dicke,
Höhe und Genese bilanziert werden konnte.
Während sich das Bodendruckfeld also noch einigermaßen aufgeräumt präsentiert,
lässt sich das von der Höhenkarte nicht wirklich behaupten. Grund sind gleich
mehrere Tiefs, die nicht alle entsprechende Pendants am Boden aufweisen und
somit teilweise die Rolle eines Kaltlufttropfens (KLT) einnehmen. Eines dieser
Exemplare befindet sich heute Abend elliptisch konfiguriert zwischen Irland und
der Iberischen Halbinsel. Auf seiner zunehmend diffluenten Vorderseite wird
ordentlich Hebung generiert, die gerade über Südfrankreich auf fruchtbaren Boden
stößt. Gemeint ist eine feucht-gesättigte, mediterran geprägte Luftmasse, die
bis zum Letzten "ausgequetscht" wird. Bis zu 150, lokal vielleicht 200 l/m²
Regen sollen dabei bis Dienstagabend fallen. Kollateral fällt über Frankreich
der Luftdruck, wo sich eine Art Rinne ausbildet, die peripher auch auf
Deutschland abfärbt. So nimmt der Gradient zwischen der Rinne und dem
fennoskandischen Hoch etwas zu, was den Ost-Südostwind schwerpunktmäßig über der
Deutschen Bucht spürbar aufleben lässt. Dort und somit auch auf Deutschlands
einziger "Hochseeinsel" Helgoland stehen Böen 7-8 Bft auf der Karte, während die
anderen Nordseeinseln (vor allem die Nordfriesen + Halligen) bei dieser
Windrichtung nicht so anfällig sind. An und über der Ostsee nimmt der Wind
tendenziell eher ab, gleichwohl sind auch an der schleswig-holsteinischen Küste
anfangs noch ein paar 7er-Böen möglich.
Kommen wir noch zu Exemplar #2, einem reinen KLT, der von Polen her rübermacht,
um über den Großraum Berlin hinweg die Altmark anzusteuern. Während die o.e.
trockene Schliere auf das Konto der vorderseitigen KLA ging, setzt nun von Polen
her die klassische Rückseiten-WLA ein. Diese überkompensiert die ebenfalls
präsente NVA, was sich in dichter, über den Nordosten westwärts ausbreitender
Bewölkung widerspiegelt. Hier und da, insbesondere Richtung Rügen/Usedom, werden
sogar ein paar zaghafte Tropfen abgeworfen, während es sonst weitgehend trocken
bleibt.
Ansonsten bleibt nur noch festzuhalten, dass die Nebelneigung in der recht
trockenen Luft gering bleibt. Dafür halten sich besonders im äußersten
Süden/Südwesten sowie in Teilen Thüringens/Frankens Hochnebelreste vom Tage
respektive breiten sich diese noch etwas aus. Dort hingegen, wo es in der Mitte
längere Zeit klar bleibt, kühlt es lokal in Gefrierpunktnähe oder etwas darunter
ab.
Dienstag ... verbleiben wir im Bodendruckfeld am Rande des Kollegen GERHARD, der
über Westrussland weiterhin stolz sein etwas über 1040 hPa mächtiges Zentrum
präsentieren darf. Auf der Gegenseite etabliert sich west- und südwestlich von
uns eine gut ausgeprägte Rinne, die von UK über Frankreich bis hinunter zum
westlichen Mittelmeer reicht und dabei einige regionale Kerne aufzuweisen hat.
Zudem übt die Rinne eine frontogenetische Wirkung aus, indem rückseitig ein
Schwall maritimer Polarluft (mP) südwärts gesteuert wird, während auf der
Vorderseite gleichzeitig feuchte Mittelmeerluft (mSp/xSp)nord-nordostwärts
strömt. Dort trifft diese wiederum auf die aus dem Hoch ausfließende
Kontientalluft (cPs). In der Analyse bietet sich dann die Einführung einer
Warmfront an, während innerhalb der Rinne eine wellende Kaltfront das Mittel der
Wahl ist.
Es zeichnet sich ab, dass das beschriebene Muster eine wenn auch nur leichte
Progression an den Tag legt, indem Rinne und eingelagerte Fronten langsam Boden
nach Osten bzw. Nordosten hin gutmachen. Unterstützt werden sie dabei von den
Resten des o.e. elliptischen KLTs (Exemplar #1), das mittlerweile zu einem
schmalen Randtrog eines kurz dahinter folgenden zweiten Trogs über dem nahen
Atlantik mutiert ist. Kurzum, im Westen und Südwesten nimmt mit Übergreifen der
Warmfront die Bewölkung kontinuierlich zu und am Nachmittag/Abend fällt
gebietsweise etwas Regen oder Nieselregen, voraussichtlich bis nach Hessen
hinein.
Gänzlich gegen den Trend läuft unser KLT-Exemplar #2 im Nordosten, wobei der
Begriff "laufen" weit übertrieben ist. Eher in bräsig-schleimiger Kriechbewegung
peilt der KLT erst einen Nordwestkurs an, um danach einen Nordhaken zu schlagen
und am Abend irgendwo im oder knapp außerhalb des Dreiecks
Schwerin-Boizenburg-Lüchow zu landen (wer weiß das bei diesen Dingern schon so
genau). Auf alle Fälle wird der gesamte Nordosten mit reichlich Bewölkung
versorgt, aus der aber nur wenig oder gar kein Regen fällt. Dazu ist die
Luftmasse nicht durchgängig angefeuchtet (verschiedene Trockeneinschübe im
Vertikalprofil), vor allem nach oben hin nicht, wo der KLT die größte Wirkung
ausübt. Auf der Nordsee bleibt der "Ost-Südost" prominent unterwegs mit Böen 7-8
Bft.
Zwischen den beiden Baustellen im Südwesten und Nordosten tut sich ein breiter
Korridor auf, in dem nichts passiert und mal mehr, mal weniger die Sonne zum
Zuge kommt. Insbesondere vom Rheinland bis ins westliche NDS lässt sich Klärchen
nicht lumpen, bevor später von Süden her die Wolken der Warmfront aufziehen.
Aber auch in und an den Alpen sowie im Bereich des Bayerischen Walds wird ein
überdurchschnittliches Quantum solarer Direktstrahlung erwartet.
Mitverantwortlich dafür zeichnen Föhn- respektive Leeeffekte der jeweiligen
Gebirge. So baut sich in den Alpen zwar kein überbordender, aber letztlich doch
solider Südföhn auf (Drucküberschuss Bozen-Innsbruck etwa 6 hPa). Auf deutscher
Seite springt vielleicht die anfällige Station in Mittenwald an mit Böen 7 Bft,
ansonsten dürften sich Böen 7-8 Bft aber eher auf höhere Gipfellagen
beschränken. Immerhin, bei T850 von 14/15°C könnte es mit etwas föhniger
Durchmischung und etwas Fortuna (aber nicht der aus Düsseldorf) am Alpenrand für
knapp 20°C reichen. Ansonsten stehen Höchstwerte von 10 bis 15, in den
wolkenreichen Arealen des Nordens und Ostens z.T. nur 7, 8 oder 9°C auf dem
Zettel.
In der Nacht zum Mittwoch erobern die Tiefdruckrinne und das eingelagerte
Frontensystem immer größere Anteile des Vorhersageraums. Kein Wunder, baut doch
die Blockade in ihrem West-Südwestteil (Südskandinavien/baltischer Raum) langsam
aber sicher ab. Außerdem bekommt die Rinne von hinten Druck, wobei hier weniger
der Luftdruck gemeint ist. Die Rede ist vielmehr von einer weiteren Kaltfront,
die in einen scharfen Bodentrog eingebettet ist (mit Druckminimum JELLA) und vom
weiter oben schon ins Spiel gebrachten zweiten Höhentrog begleitet wird. Dieser
kann mit Fug und Recht als der Weichensteller schlechthin (neudeutsch würde man
wahrscheinlich von einem Gamechanger sprechen) für die eingangs des Bulletins
erwähnte markante Umstellung der Wetterlage.
Zunächst aber fungiert der Trog nur als vermittelnder Antreiber für das
vorgelagerte System, das nicht nur mehr Spielanteile in Deutschland bekommt,
sondern auch seine Intensität erhöht. Bedeutet konkret, dass sich der Regen auf
große Teile West- und Südwestdeutschlands einschließlich der westlichen Mitte
sowie den Nordwesten ausbreitet und gebietsweise (insbesondere dort, wo
Mittelgebirge sind) von leicht auf mäßig hochschaltet. Von Warnschwellen
allerdings bleiben wir weit entfernt und auch der Vergleich zu den
Extremregenfällen südlich der Alpen hievt den hiesigen Niederschlag auf das
Level eines gutartigen Kindergeburtstags.
Derweil verabschiedet sich der KLT im Norden via Darß/Rügen/Usedom in Richtung
Ostsee, nicht ohne über Vorpommern noch ein paar Regentropfen zu spendieren. In
den Alpen bricht der Föhn zusammen und auch auf der Nordsee deutet sich eine
allmähliche Windabnahme an. Tiefstwerte 10 bis 4°C.
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Synoptische Entwicklung bis Donnerstag 06 UTC
Mittwoch ... wird auf die Frühübersichten von heute oder morgen oder beide
verwiesen.
Modellvergleich und -einschätzung
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Es ist allgemein bekannt, dass Höhentiefs launische Gesellen sind, deren genaue
Vita im Vorhinein schwer zu lesen ist. Von daher sollte gerade die im Text
formulierte Zugbahn des nordöstlichen KLTs mit entsprechender Toleranz
aufgenommen werden. Ein nachhaltiger Impact auf die Vorhersage, schon gar nicht
aber auf das Warnmanagement ist allerdings nicht zu erwarten. Das könnte in ein
paar Wochen schon anders aussehen, wenn bei ähnlicher Konfiguration, aber
Temperaturen um oder unter dem Gefrierpunkt irgendwelche Fuddelniederschläge in
Form gefrierenden Nieselregens erzeugt werden und die allseits beliebten
Glättediskussionen in Gang kommen.
Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Hoffmann