Thema des Tages

23-08-2026 11:50


Wissenschaft kompakt

Mögliche Auswirkungen eines starken El-Niño auf Europa?



Im Pazifik bahnt sich eines der stärksten El-Niño-Ereignisse seit
Beginn der Aufzeichnungen an. Dieses Phänomen hat weitreichende
Auswirkungen auf das Wetter vor Ort, kann aber über die großräumige
atmosphärische Zirkulation auch Regionen fernab des Pazifiks
beeinflussen. Doch wie stark ist Europa davon betroffen?



Ungewöhnlich hohe Wassertemperaturen im östlichen Pazifik vor der
Küste Südamerikas und gleichzeitig deutlich niedrigere
Wassertemperaturen im westlichen Pazifik verändern das
Wettergeschehen in diesen Regionen deutlich. Während es in Südamerika
selbst in sonst trockenen Gebieten zu kräftigen Niederschlägen kommen
kann, herrscht in Teilen Südostasiens häufig schwere Dürre. Diese
veränderten Niederschlagsmuster haben nicht nur weitreichende
ökologische und wirtschaftliche Konsequenzen für die betroffenen
Regionen, sondern beeinflussen auch die großräumige atmosphärische
Zirkulation.
Während eines starken El Niño bilden sich über dem zentralen und
östlichen Pazifik vermehrt hochreichende Gewitterwolken. Dabei werden
beim Kondensationsprozess große Mengen latenter Wärme in die
Atmosphäre freigesetzt. Diese zusätzliche Wärme beeinflusst die
tropische Zirkulation und kann über die Hadley-Zirkulation auch die
atmosphärische Dynamik in höheren Breiten modifizieren. Dadurch
können sich die großräumigen Zirkulationsmuster und in der Folge auch
die Lage und Stärke des Jetstreams verändern. Insbesondere im
Winterhalbjahr kann dies Auswirkungen auf das Wettergeschehen in
Europa haben.
Je stärker ein El-Niño-Ereignis ausgeprägt ist, desto größer kann
grundsätzlich die Wahrscheinlichkeit sein, dass solche
Wechselwirkungen auftreten. Der Zusammenhang ist allerdings nicht
linear und von Ereignis zu Ereignis unterschiedlich.
Deshalb lohnt sich derzeit ein Blick auf den Pazifik. Dort könnte
sich mit hoher Wahrscheinlichkeit eines der stärksten
El-Niño-Ereignisse seit Beginn der Aufzeichnungen herausbilden. Die
Entwicklung ist bereits deutlich erkennbar. Über dem zentralen und
östlichen Pazifik lagen die Meeresoberflächentemperaturen im Juli
deutlich über dem Klimamittel. Vor der Küste Perus wurden teilweise
Anomalien von mehr als 3 °C gegenüber der Referenzperiode 1991-020
registriert. Gleichzeitig wurde über Südostasien eine deutlich
unterdrückte Konvektion beobachtet. Über dem zentralen Pazifik kam es
dagegen bereits zu häufiger und stärker ausgeprägter Konvektion, die
sich unter anderem auch auf die Wetterbedingungen rund um die
Urlaubsinsel Hawaii auswirkte.

Die El-Niño-Bedingungen werden sich im weiteren Verlauf des
Spätsommers und Herbstes noch verstärken. Nach den aktuellen
Prognosen wird das Ereignis seinen Höhepunkt voraussichtlich im
Spätherbst beziehungsweise Frühwinter erreichen. Bei den bisher
stärksten Ereignissen 1997/98 und 2015/16 lag der Relative Oceanic
Niño Index (RONI) bei etwa +2,4 °C. Der RONI beschreibt, wie stark
die Meeresoberflächentemperaturen im zentralen tropischen Pazifik im
Verhältnis zu den Temperaturen des übrigen tropischen Ozeans vom
Normalzustand abweichen.
Die aktuellen Prognosen deuten darauf hin, dass dieser Wert im
kommenden Winter überschritten werden könnte. Sollte dies eintreten,
könnte sich 2026/27 als eines der stärksten El-Niño-Ereignisse seit
Beginn der Aufzeichnungen herausstellen.
Die Auswirkungen eines starken El Niño sind in vielen Teilen der Welt
deutlich ausgeprägter als in Europa. Besonders betroffen können unter
anderem Teile Amerikas, Australiens, Asiens und Afrikas sein. Für
Europa sind die Signale dagegen wesentlich schwächer und treten vor
allem indirekt über Veränderungen der großräumigen atmosphärischen
Zirkulation auf.
Studien zeigen, dass ein starkes El-Niño-Ereignis im Verlauf des
Winters die Wahrscheinlichkeit für Veränderungen des
stratosphärischen Polarwirbels erhöhen kann. Bei vergangenen
El-Niño-Ereignissen trat zudem häufiger eine negative Phase der
Nordatlantischen Oszillation (NAO) auf. Eine negative NAO kann die
Voraussetzungen für Kaltlufteinbrüche nach Europa begünstigen.
Allerdings wäre es falsch, daraus unmittelbar auf einen kalten
europäischen Winter zu schließen. Die Reaktion der Atmosphäre
unterscheidet sich signifikant zwischen einzelnen
El-Niño-Ereignissen. Ob es tatsächlich zu einer ausgeprägten Störung
des Polarwirbels kommt, hängt von einer Vielzahl weiterer Faktoren
ab. Dazu gehören beispielsweise die Quasi-Biennale- Oszillation
(QBO), die arktische Meereisbedeckung, die solare Aktivität sowie die
regionalen Meeresoberflächentemperaturen im Atlantik.
Damit lässt sich aus einem starken El Niño allein kein kalter Winter
in Europa ableiten!
Interessanterweise zeigen Beobachtungen vergangener
El-Niño-Ereignisse im Frühwinter sogar häufig eine andere Tendenz: In
weiten Teilen Mittel- und Westeuropas kann zunächst mildes und
niederschlagsreiches Wetter vorherrschen. Ursache ist eine erhöhte
Wahrscheinlichkeit für eine ausgeprägte Westwindzirkulation, die
durch tiefen Luftdruck im Bereich Islands und höheren Luftdrucks über
den Azoren begünstigt wird. Dadurch gelangt vergleichsweise milde und
feuchte Atlantikluft nach Europa. Dieser Effekt ist insbesondere in
Westeuropa ausgeprägt.
Allerdings zeigt die Statistik, dass auch dies nicht bei jedem El
Nino Ereignis auftritt. Jedes Ereignis hat eine etwas andere
Ausdehnung und Intensität, die einen konträren Einfluss auf die im
Winterhalbjahr vorherrschenden Wetterlagen in Europa nehmen kann.
Darüber hinaus spielt auch der klimatologische Grundzustand eine
wichtige Rolle. Veränderungen der mittleren
Meeresoberflächentemperaturen und der großräumigen atmosphärischen
Zirkulation können beeinflussen, wie sich die durch El Niño
angeregten atmosphärischen Wellen ausbreiten und wo sie ihre Wirkung
entfalten. Dadurch kann sich der Einfluss auf Europa von einem
ähnlich starken El-Niño-Ereignis von Jahrzehnt zu Jahrzehnt
unterscheiden.

El Niño kann damit auch in Europa die Wahrscheinlichkeit bestimmter
Wetterlagen verändern - wie sich das Signal letztlich auswirkt, hängt
jedoch nicht nur von der Stärke und Ausdehnung des Ereignisses ab,
sondern auch von den großräumigen Wetter- und Meeresbedingungen, die
zu diesem Zeitpunkt vorherrschen und aktuell noch nicht adäquat
prognostizierbar sind.


M.Sc.-Met. Nico Bauer

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 23.08.2026

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