Thema des Tages

28-07-2026 15:20


Wissenschaft kompakt


Vegetationsbrände, Wetterextreme und globale Erwärmung



Seit Beginn der Industrialisierung ist die mittlere atmosphärische
Kohlenstoffdioxid-Konzentration von etwa 280 ppm auf rund 430 ppmv
("parts per million by volume" = Millionstel Volumenanteile) im Jahr
2026 gestiegen.



Das aktuelle Monatsmittel für den Juni 2026 gemessen im Mauna Loa
Observatorium auf der Insel Hawaii beträgt 431,44 ppm. Die dort seit
1958 durchgeführte Messreihe ist die längste kontinuierliche direkte
Messreihe der atmosphärischen CO2-Konzentration. Aufgrund der
abgelegenen Lage fern von starken lokalen CO2-Quellen liefern die
Messungen außerdem ein recht repräsentatives Hintergrundsignal der
freien Troposphäre. Die daraus resultierende Keeling-Kurve, benannt
nach dem US-amerikanischen Geochemiker Charles David Keeling, zeigt
den langfristigen Anstieg des atmosphärischen CO2-Gehalts.


Kohlenstoffdioxid ist ein wirksames Treibhausgas, da es einen Teil
der von der Erdoberfläche abgegebenen langwelligen Infrarotstrahlung
absorbiert und anschließend in alle Richtungen ? auch zurück zur
Erdoberfläche - wieder emittiert. Dadurch verändert sich das
Strahlungsbudget der Erde: Es verbleibt mehr eingestrahlte Energie im
Klimasystem, als von der Erde ins All abgegeben wird.

So viel zum Auffrischen der grundlegenden Ausgangslage: Der
Treibhauseffekt ist als physikalisches Prinzip seit gut 200 Jahren
bekannt, der Zusammenhang zwischen steigender CO2-Konzentration und
einer Erwärmung des Erdklimas seit rund 130 Jahren wissenschaftlich
beschrieben. Natürlich ist das Ganze weitaus komplexer. CO2 ist
keineswegs das einzige wirksame Treibhausgas, und die Reaktion des
Erdsystems auf den Eingriff in den Energiehaushalt umfasst eine
schier grenzenlose Anzahl miteinander verknüpfter Prozesse. Je nach
Fragestellung lässt sich das Thema deshalb quasi unbegrenzt
vertiefen. Der Autor nutzt hier nur aus gegebenem Anlass - Hitze,
Dürre, Niedrigwasser und Waldbrände - die Gelegenheit, um das Thema
Klimawandel im Bewusstsein zu behalten, und der Leserschaft
vielleicht den einen oder anderen Zusammenhang näher zu bringen.


Die anhaltende Hitze in Westeuropa, sprich vor allem in Portugal,
Spanien und Frankreich hat in den letzten Tagen und Wochen zu
unkontrollierten Vegetationsbrände von außergewöhnlichem Ausmaß
geführt. Die Animation der Satellitenmessungen im sichtbaren Spektrum
- also so wie das menschliche Auge das Ganze von oben wahrnehmen
würde - zeigt eindrucksvoll wie sich die Rauchfahnen der Brände bei
Bordeaux am vergangenen Freitag mit östlichen Winden weit über den
Atlantik ausbreiten, bevor der Wind am Freitagnachmittag auf
westliche Richtungen dreht. Zeitgleich sieht man wie die Feuer in
Spanien nördlich von Madrid im Tagesverlauf an Intensität zunehmen
und sich eine eindrucksvolle Rauchfahne nach Nordwesten ausbreitet.
Die Animation vermittelt einen Eindruck der Dimension der Brände, wie
sie aus dem Weltall zu beobachten sind - und das bereits am
vergangenen Freitag. In den darauffolgenden Tagen wurde der freie
Blick aus dem Weltall auf die Rauchfahnen immer wieder durch (teils
von den Feuern verursachte) Bewölkung verdeckt, weshalb hier zur
Veranschaulichung der vergangene Freitag gewählt wurde.

"Eine Hitzewelle macht noch keinen Klimawandel", und "der Klimawandel
ist nicht zwangsläufig die Ursache für diese oder jene Hitzewelle".
Und "Dürren und Waldbrände hat es auch schon immer gegeben". Das sind
Gedanken die sich vielleicht aufdrängen. Der menschliche Eingriff in
das Erdsystem und der daraus resultierende Klimawandel verändert
jedoch die Ausgangsbedingungen und damit die Wahrscheinlichkeit für
extreme Ereignisse. Im Kontext der Vegetationsbrände äußert sich das
in einer beobachteten Zunahme der Intensität der Brände, dem Ausmaß
der Schäden an Vegetation und Ökosystemen, eine Vergrößerung der
insgesamt verbrannten Fläche, und einer längeren Dauer der
Feuersaison. Ausschlaggebend dafür sind nicht nur unmittelbar die
erhöhten Temperaturen durch die globale Erwärmung - der europäische
Klimadienst Copernicus hatte zuletzt den Juni 2026 als den weltweit
zweitwärmsten und in Westeuropa als den wärmsten Juni seit Beginn der
Aufzeichnung eingestuft. Hinzu kommen häufiger auftretende und länger
anhaltenden Wetterextreme infolge veränderter atmosphärischer
Zirkulationsmuster. Diese begünstigen unter anderem längere und
intensivere Dürreperioden als Voraussetzung für extreme
Vegetationsbrände.

Eine grundlegende Idee hinter möglichen Veränderungen der
atmosphärischen Zirkulationsmuster ist der abnehmende
Temperaturunterschied zwischen der kalten Arktis mit ihrer geringen
solaren Einstrahlung und den heißen Tropen mit ihrer hohen solaren
Einstrahlung. Da sich die Arktis aufgrund verschiedener
Rückkopplungseffekte im Zuge des Klimawandels deutlich schneller
erwärmt als der globale Durchschnitt, verringert sich der
Temperaturunterschied zwischen hohen und niedrigen Breiten. Die
atmosphärische Zirkulation und damit das allgemeine Wettergeschehen
wiederum ist wesentlich davon geprägt, diese Temperaturunterschiede
auszugleichen. Da liegt es nicht fern, dass eine verstärkte arktische
Erwärmung mit Veränderungen in der atmosphärischen Dynamik
zusammenhängen kann. Auch hier gilt allerdings wie so oft, dass die
tatsächliche Sachlage im chaotischen Wettersystem deutlich
komplizierter und weiterhin Gegenstand intensiver Forschung ist.


Dipl.-Met. Thorsten Kaluza

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 28.07.2026

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