Thema des Tages

10-06-2026 12:20


Wissenschaft kompakt

Das Observatorium auf dem Hohen Sonnblick


Meteorologische Observatorien auf exponierten Berggipfeln sind sehr
aufwendig und somit kostenintensiv im Betrieb und in der
Unterhaltung, sie liefern aber wertvolle Daten über den Zustand und
die Entwicklung der unteren Troposphäre. Im heutigen Thema des Tages
werfen wir einen Blick nach Österreich zum Observatorium auf dem
Hohen Sonnblick.


Wie schon am gestrigen Dienstag entführt Sie das Thema des Tages in
die Berge. Dabei gilt das Augenmerk heute dem Hohen Sonnblick (Höhe
3106 m über der Adria) in der Goldberggruppe der Hohen Tauern. Er
liegt auf dem Gebiet des Raurisertals im österreichischen Bundesland
Salzburg (Abbildung 1). Zusammen mit seinen Nachbargipfeln, dem 3123
m ü. A. hohen Schareck und dem 3254 m ü. A. hohen Hochgarn, dem
höchsten Gipfel der Goldberggruppe, bilden sie einen Teil der Grenze
des Bundeslandes Salzburg zum benachbarten Kärnten.

Wer in der Region unterwegs ist, bewegt sich im Bereich des
Tauernfensters, eines geologisch außergewöhnlichen Gebiets, das von
seiner westlichen Begrenzung am Brenner bis etwa ins österreichische
Lungau recht und von Nord nach Süd eine Ausdehnung von etwa 30 km
aufweist. Das Tauernfenster gilt als besonders mineralienreich, im
Raurisertal äußert sich diese Tatsache unter anderem in nicht
unerheblichen Goldvorkommen.

Bis hierhin hat das Ganze noch nicht viel mit Meteorologie zu tun.
Aber bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden in der
meteorologischen Community die Stimmen lauter, nach der vermehrt auch
in exponierten Höhenlagen Messstationen betrieben werden sollten.
Diese Forderung wurde sowohl beim ersten Meteorologenkongress 1873 in
Wien als auch beim zweiten Meteorologenkongress 1879 in Rom erhoben.
Bei Letzterem wurde sogar die Empfehlung ausgesprochen, es möge doch
- bitte schön - ein ganzes Netzwerk von Messstationen werden.

Der Vorteil von Höhenmessungen liegt dabei auf der Hand: Das
Beobachtungsgebiet quasi in die dritte Dimension zu erweitern und auf
diese Art und Weise Daten zu sammeln, die einen wesentlichen Baustein
zum Verständnis atmosphärischer Prozesse liefern. Darüber hinaus
konnten die so gewonnenen Daten verglichen werden, einerseits mit den
Messungen in tieferen Lagen, andererseits aber auch mit den damals
aufkommenden Drachen- und Ballonmessungen. Und, last but not least,
war man getrieben von der Hoffnung auf bessere Vorhersagen. Mit
anderen Worten: Man wollte den sympathischen Maiöc
(https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2026/6/9.html)
und seine Bauernregeln gerne in Rente schicken - was aber bis heute
nicht so ganz geklappt hat.

Wie auch immer, in der Folge wurde eine Reihe von
Hochgebirgs-Observatorien eingerichtet. Auf dem Säntis in der Schweiz
war man 1882 soweit. Auf der Zugspitze begann man im Jahr 1900 mit
den Messungen, so dass der DWD im letzten Jahr das 125. Jahr der
Messungen auf Deutschlands höchstem Berg feiern konnte. In Österreich
suchte der später sogar geadelte Meteorologe Julius Ferdinand Hann
(Abbildung 2), der damalige Direktor der Zentralanstalt für
Meteorologie und Geodynamik (ZAMG, heute Teil von GeoSphere Austria),
einen adäquaten Standort. Er landete bei seiner Suche letztendlich im
Gebiet des Tauernfensters ? und dort wiederum im Raurisertal.

Und das war durchaus kein Zufall. Denn die Region war für damalige
Maßstäbe vergleichsweise hoch industrialisiert. Zur Blütezeit des
Tauernbergbaus kamen etwa 10 % des weltweiten Goldes aus der Region.
Und der Bergwerksbesitzer Ignaz Rojacher (ebenfalls Abbildung 2), dem
man nachsagt, er habe neben dem elektrischen Strom und dem Telefon
auch die Ski (oder doch die Schi?) nach Rauris gebracht, unterstützte
den Bau eines Observatoriums auf dem Hohen Sonnblick. Die
Herausforderungen waren enorm, nicht nur finanziell. So mussten die
Baumaterialien allesamt entweder getragen oder mit provisorischen
Seilbahnen gezogen werden. Hier kam den Erbauern sicherlich das
Wissen aus dem Bergbau zugute. Auch die klimatischen Bedingungen
waren sehr anspruchsvoll, im vieljährigen Mittel steigt die
Temperatur tagsüber nur zwischen Juni und September auf positive
Werte (Abbildung 3). Wobei die Angabe der Regentage in Abbildung 3
mit Vorsicht zu genießen ist, handelt es sich dabei doch fast
ausschließlich um Schneetage.

Eingeweiht wurde das Observatorium letztendlich 1886. Es ist bis
heute die höchstgelegene meteorologische Beobachtungsstation
Österreichs und wenig überraschend hat sie auch einige Rekorde zu
bieten. So wurde z. B. am 9. Mai 1944 mit 11,9 m die höchste in
Österreich je gemessene Schneedecke registriert.

Das Aufgabenfeld des Observatoriums auf dem Hohen Sonnblick hat sich
im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gewandelt bzw. wurde erweitert. Ein
Schwerpunkt liegt heute auf der Klimaforschung. Die (vermutlich
durchweg männlichen) Teilnehmer der ersten beiden
Meteorologenkongresse hatten sicherlich das Thema Klimawandel nicht
auf der Agenda und folglich war ihnen vermutlich auch nicht klar,
dass der Klimawandel im Hochgebirge noch schneller voranschreitet als
in tieferen Lagen.

Die Abbildung 4 zeigt dies sehr eindrücklich. Für das Zeitfenster von
1886, der Inbetriebnahme des Observatoriums am Hohen Sonnblick, bis
zum Jahr 2025 zeigt sie die jährlichen Mittelwerte der Temperatur
ebenso wie einen gleitenden tiefpassgefilterten Durchschnitt. Während
die Mitteltemperatur auf dem Hohen Sonnblick zu Henns und Rojachers
Zeiten noch bei etwa -7°C gelegen hat, nähert sie sich aktuell von
unter der -3°C-Marke, was mithin einem Anstieg der Mitteltemperatur
von etwa 3,5°C entspricht (HISTALP steht dabei übrigens für
Historical Instrumental climatological Surface Time series of the
greater ALPine region).

Diese traurige Realität kann man vom Hohen Sonnblick täglich live
erleben, schließlich wartet das Gebiet neben einem beeindruckenden
Panorama auch mit dem ein oder anderen größeren oder kleineren
Gletscher auf. Einer davon ist das Goldbergkees, von dessen
zeitlicher Entwicklung die Abbildung 5 einen Eindruck vermitteln
soll. Während das obere Bild vom 8. August 2016 stammt, wurde das
untere Bild am 9. August 2025 aufgenommen. Der Masseverlust des
Goldbergkees ist dabei deutlich zu erkennen.

Dipl.-Met. Martin Jonas

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Offenbach, den 10.06.2026

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