Thema des Tages

01-06-2026 14:20

Wetter aktuell
Geänderte Überschrift: Tief NESRIN - der erste Dämpfer für den
(meteorologischen) Sommerbeginn

Einen etwas genaueren Blick auf die Struktur von Tief NESRIN bietet
das heutige Thema des Tages - zusammen mit einem kurzen Blick zurück
auf die Niederschläge der vergangenen Tage.

Grundsätzlich passt die Konstellation am heutigen meteorologischen
Sommerbeginn schon gut. Das für uns wetterbestimmende Hoch CORNELIUS
ist zwar genau genommen nur ein Ableger des Azorenhochs, trotzdem
sorgt CORNELIUS für viel Sonnenschein, auch, indem er die letzten
Regenwolken aus dem Südosten Deutschlands herausschiebt. Und so
präsentieren sich weite Teile West- und Mitteleuropas sommerlich, wie
man auch dem Satellitenbild in Abbildung 1 (Mehrkanalbild
Rot-Grün-Blau des Meteosat Third Generation) entnehmen kann.

In der Form könnte der Sommer für viele weitergehen - tut er aber
nicht. In einem meteorologischen Schnelldurchlauf wurde diese
Tatsache hier im Thema des Tages ja auch gestern schon angedeutet.
Dazu gibt es jetzt noch ein paar Details. In Abbildung 1 ist über dem
Nordatlantik in der Bodendruckverteilung (Linien gleichen Drucks =
Isobaren) schon Tief NESRIN zu erkennen, welches das Hoch CORNELIUS
beerbt und ein breites Wolkenband mit sich führt. Dieses Band
erstreckt sich vom Tiefkern über dem Nordostatlantik ausgehend in
einem weiten Bogen über Schottland, Irland und Wales hinweg bis ins
Seegebiet westlich der Biskaya. Mit einer westlichen bis
südwestlichen Strömung wird das Wolkenband nach Osten geschoben, so
dass schon in der kommenden Nacht Wolken auf den Westen übergreifen,
am morgigen Dienstag dann auch die zugehörigen Regenfälle.
Dass der gute CORNELIUS dabei geradezu aufgerieben wird zeigt
Abbildung 2. In dieser Frontenvorhersagekarte hat NESRIN am morgigen
Mittag (12 UTC entspricht 14 MESZ) schon die schottische Nordseeküste
erreicht. Dazu reihen sich vom westlichen Mittelmeer über Italien und
Südosteuropa bis zum Baltikum und weiter nach Nordwestrussland einige
Tiefs aneinander, wovon das Tief MECHTHILD uns noch gut in Erinnerung
ist durch die heftigen Gewitter vom gestrigen Sonntag. CORNELIUS ist
auf dieser Karte jedenfalls nicht mehr zu finden, seine Reste tummeln
sich wahrscheinlich im Bereich Kroatien-Serbien-Ungarn.

NESRIN ist daran natürlich nicht ganz unschuldig, ihre Kaltfront
greift schon vormittags auf den Westen unseres Landes über. Da
gleichzeitig die Warmfront quer über die Nordsee nach Dänemark
positioniert ist, liegen wir im recht weit aufgespannten Warmsektor
des Tiefs.
Eine Abschätzung des Gewitter- und damit auch des Unwetterpotentials
ist u. a. mithilfe der Infos aus Abbildung 3 möglich. Das Stichwort
"Potential" lenkt die Aufmerksamkeit auf die linke Seite des Bildes,
steht CAPE doch für "Convective Available Potential Energy", also die
für konvektive Umlagerungen zur Verfügung stehende Potentielle
Energie. Diese ist in hohem Maße abhängig von der Situation in der
unteren Troposphäre. Je nachdem, welche Annahmen man macht, kann der
Wert durchaus variieren. Hier ist das sogenannte "Most Unstable" CAPE
gewählt, das so etwas wie ein "Worst Case Szenario" darstellt.
Spitzenwerte von knapp über 1000 J/kg lassen starke Gewitter durchaus
wahrscheinlich erscheinen, auch einzelne Unwetter liegen im Bereich
des Möglichen.

Darauf deuten auch die PPW-Werte hin, die das "Niederschlagbare
Wasser" (den Wassergehalt in der Luftsäule) beschreiben. Bezüglich
des Niederschlages liegt beim Deutschen Wetterdienst die Schwelle zum
Unwetter bei 25 mm (Liter pro Quadratmeter) in einer Stunde - eine
Größenordnung, die die PPW-Werte am morgigen Dienstag durchaus
erreichen, und das nicht nur lokal. Unglücklicherweise kann man die
PPW-Werte nicht eins zu eins in die erwarteten Niederschlagsmengen
umrechnen. Hierzu bedarf es weiterer Überlegungen, wovon eine die
sogenannte Zuggeschwindigkeit von möglichen Schauern und Gewittern
ist. Je schneller sich Schauer und Gewitter über ein Gebiet
hinwegbewegen, desto geringer ist das Unwetterpotential bezüglich
Starkregen (dafür kann dann durchaus dasjenige durch orkanartige Böen
oder Orkanböen größer werden, aber das ist eine andere Geschichte).
Letztendlich deuten aber auch die PPWs durchaus das Potential für
einzelne Unwetter am morgigen Dienstag an.

Was der morgige Dienstag bringt, das werden wir dann am Mittwoch
beurteilen können. Aber wenn wir über Niederschläge sprechen, soll
doch zumindest kurz ein Blick zurück auf den gestrigen Sonntag
geworfen werden. Dazu sind in Abbildung 4 die aus dem Radar
abgeleiteten 48-stündigen Niederschlagssummen bis heute Morgen um 08
MESZ angegeben. Das Zeitfenster von 48 Stunden wurde deshalb gewählt,
weil es schon aus der Nacht zum Sonntag heraus im äußersten Westen
sehr kräftige Gewitterentwicklungen gegeben hat, die bei einer
24-stündigen Betrachtung keine Berücksichtigung gefunden hätten. So
fließen diese (nördliches Eifelvorland) aber in die Betrachtung ein,
wobei die kräftigsten Entwicklungen bei unseren belgischen Nachbarn
aufgetreten sind. Tagsüber war dann ein Streifen vom südlichen
Emsland bis nach Westsachsen der Schwerpunkt, wobei sich in
Westsachsen an der Station Treuen über 102 mm (Liter pro
Quadratmeter) akkumuliert haben - und dies sogar in weniger als 24
Stunden.


Dipl. Met. Martin Jonas
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 01.06.2026

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