Thema des Tages

24-04-2026 13:20


Wissenschaft kompakt

Wie Wetter Geschichte schrieb



In zwei Tagen jährt sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum
40. Mal. Was dies mit dem Wetter zu tun hat und welche historischen
Ereignisse sonst noch durch das Wetter beeinflusst wurden, ist im
heutigen Thema des Tages nachzulesen.



Am Sonntag, den 26. April 2026, jährt sich der Super-GAU (Größter
anzunehmender Unfall), also die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl
zum 40. Mal. Am 26. April 1986 um 01:23 Uhr Ortszeit kam es in Block
4 des Kernkraftwerks nahe der ukrainischen Stadt Prypjat zu einer
Explosion des Kernreaktors. Infolgedessen wurden große Mengen
radioaktiver Materie freigesetzt. Einige Bestandteile gingen in Form
von Staubpartikeln in der Umgebung des Reaktors nieder. Andere,
insbesondere leicht flüchtige Isotope gelangten bei der Freisetzung
bis in große Höhen der Atmosphäre und wurden in einer Art
radioaktiven Wolke teilweise Tausende Kilometer weit getragen.

Und welchen Einfluss hatte das Wetter hierbei? Für gewöhnlich wehen
die Winde über Europa häufig von West nach Ost, was die radioaktive
Materie von Europa wegtransportiert hätte. Allerdings war die
großräumige Wetterlage über Europa Ende April 1986 so, dass zunächst
Skandinavien davon betroffen war, nachfolgend dann auch Mitteleuropa.
Im Süden Deutschlands traten zu dieser Zeit teils kräftige Regenfälle
auf. Dabei wurden die radioaktiven Bestandteile aus der Atmosphäre
gewaschen. Damit lässt sich erklären, warum der Süden mehr belastet
ist als der Norden Deutschlands. Selbst heute noch sollte man dies
beim Verzehr von Wildfleisch, Pilzen und Waldbeeren im Hinterkopf
haben.

Auch bei anderen historischen Ereignissen spielte das Wetter eine
entscheidende Rolle. In früheren Themen des Tages wurde bereits über
den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki sowie den D-Day
(https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2023/8/7.html)
berichtet, zudem wurde Bezug genommen auf die Winter 1812/13 (während
Napoleons Russlandfeldzug) und 1941/42 (während Hitlers
Russlandfeldzug) sowie auf den Hungerwinter 1946/47
(https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2023/8/25.html). An
dieser Stelle soll nun auf historische Ereignisse eingegangen werden,
bei denen schlechte Sichtbedingungen eine entscheidende Rolle
spielten.

Da wäre zum einen der Mechelen-Zwischenfall während der
Vorbereitungen für den Westfeldzug, bei dem schließlich
Nazideutschland im Frühsommer 1940 unter Verletzung der Neutralität
der Beneluxstaaten weite Teile Frankreichs besetzte. Für dessen
Umsetzung war eine nur wenig angepasste Neuauflage des bereits im
Ersten Weltkrieg gescheiterten Schlieffenplanes vorgesehen.

Am 10. Januar 1940 wurde der Offizier Major Helmut Reinberger als
Kurier mit der neuesten Version der Angriffspläne zu einer
Stabsbesprechung nach Köln geschickt. Geheime Dokumente durften
damals nicht fliegen, weshalb der Offizier mit dem Zug fuhr. Auf dem
Weg dorthin plante er den Besuch eines Kameraden auf einem
Luftwaffenstützpunkt im Münsterland ein. Da er dort aufgehalten
wurde, verpasste er allerdings seinen Zug nach Köln. Ein
Luftwaffenoffizier bot ihm an, ihn bei seinem Flug nach Köln
mitzunehmen. Trotz Vorschriftswidrigkeit nahm der Offizier das
Angebot an. Es trat genau das ein, weshalb geheime Dokumente damals
eben nicht fliegen durften: Aufgrund von schlechten Sichtbedingungen
verflog sich der Pilot, driftete durch starken Ostwind ab und musste
schließlich in Belgien notlanden. Dies blieb dort natürlich nicht
unbemerkt. Die Offiziere versuchten zwar noch, die Angriffspläne zu
verbrennen, aber der böige Wind vereitelte das vollständige
Verbrennen, bevor eintreffende belgische Beamte das Feuer löschen
konnten. Dadurch gerieten die geheimen Dokumente in die Hände der
belgischen Armee, die diese umgehend an die Franzosen und Briten
weiterleitete. Nur aufgrund dieses Vorfalls kam "Plan B" zum Einsatz:
der Mansteinplan, der eine Ablenkungsoffensive an der rechten Flanke
über die Niederlande und Belgien vorsah und den Hauptvorstoß durch
die Ardennen in den Rücken der Alliierten, die dadurch auch von ihren
Versorgungslinien abgeschnitten wurden. Innerhalb weniger Wochen
wurde der Westfeldzug von Nazideutschland gewonnen.

Nur wenige Wochen vor dem Mechelen-Zwischenfall, am 08. November
1939, hätte sich womöglich die gesamte nachfolgende Geschichte ändern
können, wenn da nicht der Nebel gewesen wäre. Hitler hielt in jedem
Jahr zum Gedenken an den gescheiterten Putsch 1923 eine in der Regel
lange Rede im Münchner Bürgerbräukeller. Der württembergische
Tischler Georg Elser, ein Gegner des Nationalsozialismus, war im Jahr
zuvor unter den Zuhörern, was ihn davon überzeugte, dass der
Bürgerbräukeller der richtige Ort für seinen Attentatsversuch auf
Hitler war. Hitler würde im darauffolgenden Jahr, also 1939, mit
Sicherheit zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle wieder eine Rede
halten. Für seinen Plan trat Elser zunächst eine Arbeit in einem
Steinbruch an, um entsprechende Materialien für seine Zeitbombe
entwenden zu können. In mühevoller nächtlicher Arbeit deponierte er
diese in einer Säule im Bürgerbräukeller gleich hinter dem
Rednerpult, um sich dann noch rechtzeitig in die Schweiz absetzen zu
können. Detonationszeitpunkt war der 08. November 1939 um 21:20 Uhr.
In diesem Jahr verlief die Rede Hitlers allerdings anders als sonst:
Es war Krieg und Hitler wollte seinen Auftritt zunächst sogar
absagen, entschied sich dann aber doch dafür. Am gleichen Abend
wollte er zurück nach Berlin fliegen, weshalb sein Auftritt
vorverlegt wurde. Aufgrund schlechter Sichtbedingungen war ein
Rückflug aber nicht möglich. Hitler hielt sich bei seiner Rede kurz
und verließ bereits um kurz nach 21 Uhr den Bürgerbräukeller, da am
Münchner Hauptbahnhof ein Sonderzug bereitstand, der um 21:30 Uhr
abfahren sollte. Auch viele der Zuhörer hatten das Gebäude bereits
verlassen, als die Zeitbombe planmäßig um 21:20 Uhr detonierte. Durch
die Detonation brach die Säule zusammen und die Deckenkonstruktion
stürzte auf die Rednertribüne. Es gab acht Tote, u.a. eine
Aushilfskellnerin, und viele Verletzte. Wäre Hitlers Auftritt wie im
Jahr zuvor verlaufen, hätte die Sache wahrscheinlich anders
ausgesehen. Elser wurde an der Schweizer Grenze aufgegriffen und
verriet sich durch eine Ansichtskarte des Bürgerbräukellers und Teile
eines Zünders in seiner Tasche.

Anhand dieser und noch vieler weiterer Beispiele wird erkennbar, wie
das Wetter Einfluss auf die Geschichte nehmen kann.

M.Sc. Tanja Egerer

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 24.04.2026

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